Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Der Umgang des Völkerbundsekretariats mit Kontestation

Abstract

Wenn internationale Organisationen (IOs) mit starker Anfechtung konfrontiert sind, wird oftmals das Scheitern des Völkerbunds als abschreckendes Beispiel herangezogen. Dabei wird jedoch übersehen, dass der Völkerbund in seinen Anfangsjahren durchaus erfolgreich Kontestationsmanagement betrieben hat. Dieser Beitrag beleuchtet den Umgang des Völkerbunds mit früher Kontestation, um daraus Erkenntnisse für das heutige Kontestationsmanagement von IOs zu gewinnen. Ich argumentiere hierbei, dass der Umgang mit Kontestation durch die Krisenerkennung und -interpretation der jeweiligen IO-Bürokratie geprägt ist. Im Mittelpunkt der Analyse steht der Streit um einen ständigen Sitz im Völkerbundrat in den 1920er Jahren, der im Austritt Brasiliens kulminierte. Die empirische Analyse zeigt, wie es dem Völkerbund gelang, diese interne Krise erfolgreich zu managen, offenbart jedoch gleichzeitig erste Schwächen, insbesondere hinsichtlich Krisenerkennung und Strategien zur nachhaltigen Überwindung. Die Analyse macht deutlich, dass selbst eine IO, die als wenig autonom und von mächtigen Mitgliedsstaaten abhängig gilt, autoritatives und weitgehend unabhängiges Kontestationsmanagement durch ihr Sekretariat betreiben kann.